Sheenas Schreibtagebuch

 

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Wissenschaft

Boah, fick Dich, Imaginäres

Das Buch heißt natürlich nicht so, sondern in ordentlich: "Das Fiktive und das Imaginäre" (W. Iser). Nachdem ich mich die vergangenen Tage mit Castoriadis und Husserl herumgeplagt hatte, dachte ich mir heute Morgen: Das ist ein guter Tag, um sich mal ein kleines schreiberliches Erfolgserlebnis zu gönnen: Machen wir heute mal den Abschnitt über Iser fertig, das haben wir ja alles schon dreimal gelesen und exzerpiert, das muss man ja nur noch runterschreiben. Lass uns das doch einfach runterschmieren, wie die fünf Seiten Castoriadis-Darstellung letzte Woche. Das war wohl nix. Jetzt weiß ich auch wieder, warum ich mich davor seit Monaten drücke. Iser lässt sich eigentlich nicht paraphrasieren. Maaaann, ich kann doch nicht das komplette erste Kapitel zitieren. Wie soll das denn gehen? Es ist nicht mal so, dass ich nicht verstehen würde, was er will. Das ist soweit eigentlich halbwegs einleuchtend. Aber sobald man von seinem Wortlaut abweicht und versucht, eigene Umschreibungen zu finden, hört es sich maximal nur halb richtig an. Und ich denke bei jedem einzelnen Satz: Naja, Fräulein, so ganz stimmt das jetzt aber eigentlich nicht ... tztztz <-- Das Geräusch, das ich an dieser Stelle denke, hört sich eigentlich gar nicht an wie "tz", sondern eher wie "z z z". Wozu habe ich denn vier Semester lang deutsche Sprachwissenschaft studiert, wenn ich nicht mal weiß, wie diese seltsamen, verächtlichen Laute heißen?!
5.8.08 22:05


Die Rezension

Wer bin ich, dass ich es mir herausnehmen soll, über das zu urteilen, was andere geschrieben haben? Selbst fühle ich mich im wissenschaftlichen Betrieb immer noch als Anfängerin, was das Publizieren angeht. Trotzdem kommt natürlich jetzt das auf mich zu, worum niemand so richtig herumkommt: die Buchbesprechung. Da hat sich einer Jahre lang hingesetzt und all das durchgemacht, was ich grade auch durchmache. Vielleicht hat er sich nachts seine Zähne kaputt geknirscht, vielleicht ist er Alkoholiker geworden, vielleicht hat ihn seine Frau verlassen. Immerhin konnte ich durch Internet-Recherchen herausfinden, dass er das Ganze überlebt hat und offensichtlich auch beruflich sehr erfolgreich ist. Jedenfalls kommt jetzt ausgerechnet mir die Aufgabe zu, dieses sicherlich nicht mit Tinte, sondern mit Herzblut verfasste Buch vorstellen und bewerten zu sollen. Und was mache ich draus? Genau das, was mir in meiner Zeit als Redaktionschefin einer Besprechungszeitschrift so die Freude am Job genommen hat. Ich schreibe einen ganz braven Text, der sich nach allen Seiten absichert und in Erfurcht vor dem Fleiß des Autors erstarrt. Jämmerlich!
16.10.07 15:55


Wie rum denn nun?

Zur Zeit schreiben mein Kollege und ich zusammen einen Aufsatz. Die Absätze, die uns beide angehen, haben wir untereinander aufgeteilt. Zusätzlich hat jeder sein eigenes Thema. Nun stehen wir beide vor dem gleichen Problem: Soll man die Ergebnisse aus dem Material entwickeln oder am Material zeigen, zu welchen Ergebnissen man gekommen ist. Das hört sich zwar sehr ähnlich an, ist es aber nicht. Wenn man die Ergebnisse aus dem Material entwickelt, braucht man sehr, sehr viel Platz und muss sich vorwerfen lassen, dass man doch von einzelnen Beispielen nicht auf das gesamte Material schließen kann. Wenn man die Ergebnisse an einzelnen Beispielen aufzeigt, braucht man deutlich weniger Platz und muss sich vorwerfen lassen, dass man gar nicht richtig empirisch gearbeitet hat. So weit, so zwickmühlenartig. Zusätzlich kommt das Problem dazu, dass unser Material aus Videodaten besteht. Ausschnitte aus denen würden wir natürlich gern dem Leser/der Leserin zugänglich machen. In einen Bericht könnte man eine DVD einheften. Bei einem Aufsatz für eine Zeitschrift geht das aber nicht. So schneiden wir also einzelne Bilder aus den Videodaten aus, damit die geneigte Rezipientin wenigstens ein bisschen was zu kucken hat. ABER: Wir haben ja keine Einzel-Bilder interpretiert, sondern Videos. Wie bringt man die Bewegungen, um die es geht, aufs Papier? Eine komplett ungelöste Fragestellung der Video-Analyse.
6.7.07 14:38


Auch das ist Schreiben

Das Präsentieren von Datenmaterial in der Arbeitsgruppe und das gemeinsame Interpretieren von Daten gehört zwar nicht unmittelbar zum Schreibprozess, aber es gehört zu dem großen Bereich von Dingen, die gemacht werden müssen, bevor man etwas hinschreiben kann. Allerdings läuft ein Forschungs- und Schreibprozess nie so ordentlich nacheinander ab, wie man es im Empirie-Seminar im Grundstudium beigebracht bekommen hat. Man stellt sich häufig eine lineare Entwicklung vor, die mit einer Fragestellung beginnt. Dann kommen nacheinander die Operationalisierung der Fragestellung, die Auswahl des Untersuchungsgegenstandes, die Datenerhebung und -aufbereitung, die Datenanalyse und dann die abschließende Interpretation und Darstellung der Ergebnisse. Für einen deduktiv vorgehenden Forscher ist dieses Prinzip auch recht einfach einzuhalten. Manchmal beneide ich die "Quantis" sehr darum. Da wir jedoch anders herum vorgehen (aus der Dateninterpretation erst die Theorie generierend) schlagen wir uns mit einem Hin und Her herum, das Forschen und Schreiben eng miteinander verbindet (rin in die Daten, raus aus den Daten). Gestern war mein Projekt an der Reihe, in einer größeren Runde Datenmaterial vorzustellen und zur gemeinsamen Interpretation bereit zu stellen. Heute versuche ich, all die Anmerkungen und Ideen, die ich mir gestern notiert habe, auszuformulieren und daraufhin zu prüfen, ob wir mit ihnen arbeiten können. Während des Schreibens einer größeren Arbeit sammeln sich unglaublich viele solcher kleinen Texte an: Exzerpte, Interpretationen, E-Mails, Ideensammlungen und auch solche Meta-Texte, wie diese hier. Ich finde es nicht einfach, all diese Schnipsel im Blick zu behalten und genau in dem Moment auch auf sie zugreifen zu können, wenn sie in den großen Text eingefügt werden sollen.
14.3.07 13:51


Ernüchterung

Nach der Euphorie des Workshops muss logischerweise die Ernüchterung bei der Umsetzung kommen. Und so war es auch. Das, was ich dort so locker von Hand runtergeschrieben hatte und was mir dort auch so wunderbar schlüssig erschien, erwies sich heute als ausgesprochen widerspenstig, als ich versucht habe, es in halbwegs verwendbare, zusammenhängende Argumentationen zu bringen. Sogar an der großartigen Sortierstruktur, die ich meinte, gefunden zu haben, muss ich jetzt wieder zweifeln.
19.2.07 17:13


Zeitfresser

Besonders gefährlich für meinen Schreibprozess sind die sogennannten Zeitfresser: fiese, kleine Nebenbeschäftigungen, die sich immer wieder in den Vordergrund drängen. Für die Existenzsicherung sind sie unbedingt notwendig, insofern kann man sie nicht einfach eliminieren. Der einzige Weg, mit ihnen umzugehen, liegt darin, sie in die Tagesphasen zu verbannen, innerhalb derer man weniger Schreibelan hat. Das bedeutet für mich, dass ich in der Zeit von 9-12 Uhr keinen Verwaltungskram erledigen, keine Klausuren korrigieren und keine E-Mails beantworten darf, um mir diesen besonders kreativen Zeitraum nicht täglich zu nehmen.
18.2.07 17:03





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