Sheenas Schreibtagebuch

 

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Die Stadt stört und bremst

Seit ca. fünf Wochen und einem Tag wohne ich in einer sehr großen Stadt. Vorher habe ich in einer deutlich kleineren Stadt gewohnt. Vor dem Umzug hatte ich mir vorgestellt, dass in der großen Stadt alles viel hektischer und stressiger sein würde. Das Gegenteil ist eingetreten. Es geht alles langsamer, die Wege sind viel weiter, nichts funktioniert auf Anhieb, und ich begegne kaum Leuten, die gestresst zu sein scheinen. Immer wenn ich nachfrage, ob dies oder jenes nicht mal langsam funktionieren, ankommen oder organisiert sein müsste, werde ich dazu aufgefordert, mich zu entspannen und endlich das unnötige Generve einzustellen, das an der Situation sowieso nichts ändere.

Soweit so nett.

Weniger nett, dafür aber um so authentischer sind die Störungen, die jedes friedliche vor-sich-Hindümpeln in öffentlich zugänglichen Räumen kategorisch zu nichte machen. Immer wenn ich anfange, mich tatsächlich zu entspannen, passiert irgendetwas, das zumindet ein Mindestmaß an Engagement erfordert: Eine Unbekannte will mir etwas über ihre Familie erzählen oder einfach nur mitteilen, dass kein einziger Tutor aufzutreiben ist, wenn man mal einen braucht, eine andere will den Fahrgästen etwas vorsingen, jemand möchte gern Geld für ein Frühstück haben (zwei Mohnhörnchen) und ist auch bereit Lebensmittel oder Getränke entgegenzunehmen, solange diese nicht alkoholisch sind, jemand will wissen, ob ich eine Fahrkarte übrig habe oder eine benötige, ob diese Bahn auch in XY hält - was bin ich stolz, wenn ich das weiß -, ob das Buch gut ist, das ich da lese und ob ich nicht für den Tierschutz oder Scientology spenden, Mitglied der Malteser werden oder die XY-Zeitung probelesen möchte.

 

5.8.08 21:47


Boah, fick Dich, Imaginäres

Das Buch heißt natürlich nicht so, sondern in ordentlich: "Das Fiktive und das Imaginäre" (W. Iser). Nachdem ich mich die vergangenen Tage mit Castoriadis und Husserl herumgeplagt hatte, dachte ich mir heute Morgen: Das ist ein guter Tag, um sich mal ein kleines schreiberliches Erfolgserlebnis zu gönnen: Machen wir heute mal den Abschnitt über Iser fertig, das haben wir ja alles schon dreimal gelesen und exzerpiert, das muss man ja nur noch runterschreiben. Lass uns das doch einfach runterschmieren, wie die fünf Seiten Castoriadis-Darstellung letzte Woche. Das war wohl nix. Jetzt weiß ich auch wieder, warum ich mich davor seit Monaten drücke. Iser lässt sich eigentlich nicht paraphrasieren. Maaaann, ich kann doch nicht das komplette erste Kapitel zitieren. Wie soll das denn gehen? Es ist nicht mal so, dass ich nicht verstehen würde, was er will. Das ist soweit eigentlich halbwegs einleuchtend. Aber sobald man von seinem Wortlaut abweicht und versucht, eigene Umschreibungen zu finden, hört es sich maximal nur halb richtig an. Und ich denke bei jedem einzelnen Satz: Naja, Fräulein, so ganz stimmt das jetzt aber eigentlich nicht ... tztztz <-- Das Geräusch, das ich an dieser Stelle denke, hört sich eigentlich gar nicht an wie "tz", sondern eher wie "z z z". Wozu habe ich denn vier Semester lang deutsche Sprachwissenschaft studiert, wenn ich nicht mal weiß, wie diese seltsamen, verächtlichen Laute heißen?!
5.8.08 22:05


Paradoxe Paranoia

Waah, jemand liest meinen Blog! Großartig, wie ambigue man sich anstellen kann. Einerseits war ich mir sicher, mir darüber bewusst zu sein, dass ich hier Texte schreibe, die potentiell jeder lesen kann, der über einen geeigneten, medientechnischen Zugang und die benötigten kognitiven Fähigkeiten verfügt. Außerdem habe ich einigen Menschen ganz explizit den Link zu diesem Blog zur Verfügung gestellt. Da aber schon lange keine Kommentare und Gästebucheinträge eingegangen waren, hatte ich das Wissen darum, dass die Texte, die ich produziere, manchmal auch von jemand anderem als mir gelesen werden, ein bisschen aus den Augen verloren. Anders kann ich mir zumindest den kleinen Schock kaum erklären, der mich gerade eben ereilte, als ich die Statistik-Funktion entdeckt habe. Daher nun also ein expliziter Aufruf an die Leserin/ den Leser: Sag doch auch mal was!
25.8.08 17:01


Den Beobachter beobachten

Heute spielte sich am Bahnhof folgende Szene ab: Eine junge Frau schaut sich die Frisur ihrer Freundin an und streicht ihr dabei versonnen mehrmals durchs Haar. Beide Frauen (beide Asiatinnen) sind sehr hübsch. Ich stehe links der beiden Frauen. Rechts von ihnen steht ein dicker, schwitzender, bebrillter ca. 50-jähriger Mann in S-Bahn-Uniform. Er schaut den beiden Frauen zu und ist so auf die beiden konzentriert, dass er gar nicht bemerkt, dass ich ihn beim Beobachten beobachte. Die Szene ist wirklich hübsch anzusehen. Die nächste Stufe der Beobachtung: Ich beobachte mich dabei, wie ich den Beobachter beobachte und ihm aufgrund kruder äußerer Anhaltspunkte unterstelle, dass er die Ästhetik des Moments nicht zu schätzen weiß und eher so denkt: boah, geil, zwei asiatische Lesben. Wäre ich überreflektiert, würde ich mich daraufhin fragen, was das über mich aussagt, dass ich ihm das unterstelle, aber zum Glück bin ich ja eher nicht so kompliziert gestrickt ...
27.8.08 14:59


Umzug

Dieser Blog ist in eine anregende, neue Umgebung umgezogen: http://sheena2.blogspot.com/
29.8.08 13:46





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