Sheenas Schreibtagebuch

 

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Umzug

Dieser Blog ist in eine anregende, neue Umgebung umgezogen: http://sheena2.blogspot.com/
29.8.08 13:46


Den Beobachter beobachten

Heute spielte sich am Bahnhof folgende Szene ab: Eine junge Frau schaut sich die Frisur ihrer Freundin an und streicht ihr dabei versonnen mehrmals durchs Haar. Beide Frauen (beide Asiatinnen) sind sehr hübsch. Ich stehe links der beiden Frauen. Rechts von ihnen steht ein dicker, schwitzender, bebrillter ca. 50-jähriger Mann in S-Bahn-Uniform. Er schaut den beiden Frauen zu und ist so auf die beiden konzentriert, dass er gar nicht bemerkt, dass ich ihn beim Beobachten beobachte. Die Szene ist wirklich hübsch anzusehen. Die nächste Stufe der Beobachtung: Ich beobachte mich dabei, wie ich den Beobachter beobachte und ihm aufgrund kruder äußerer Anhaltspunkte unterstelle, dass er die Ästhetik des Moments nicht zu schätzen weiß und eher so denkt: boah, geil, zwei asiatische Lesben. Wäre ich überreflektiert, würde ich mich daraufhin fragen, was das über mich aussagt, dass ich ihm das unterstelle, aber zum Glück bin ich ja eher nicht so kompliziert gestrickt ...
27.8.08 14:59


Paradoxe Paranoia

Waah, jemand liest meinen Blog! Großartig, wie ambigue man sich anstellen kann. Einerseits war ich mir sicher, mir darüber bewusst zu sein, dass ich hier Texte schreibe, die potentiell jeder lesen kann, der über einen geeigneten, medientechnischen Zugang und die benötigten kognitiven Fähigkeiten verfügt. Außerdem habe ich einigen Menschen ganz explizit den Link zu diesem Blog zur Verfügung gestellt. Da aber schon lange keine Kommentare und Gästebucheinträge eingegangen waren, hatte ich das Wissen darum, dass die Texte, die ich produziere, manchmal auch von jemand anderem als mir gelesen werden, ein bisschen aus den Augen verloren. Anders kann ich mir zumindest den kleinen Schock kaum erklären, der mich gerade eben ereilte, als ich die Statistik-Funktion entdeckt habe. Daher nun also ein expliziter Aufruf an die Leserin/ den Leser: Sag doch auch mal was!
25.8.08 17:01


Boah, fick Dich, Imaginäres

Das Buch heißt natürlich nicht so, sondern in ordentlich: "Das Fiktive und das Imaginäre" (W. Iser). Nachdem ich mich die vergangenen Tage mit Castoriadis und Husserl herumgeplagt hatte, dachte ich mir heute Morgen: Das ist ein guter Tag, um sich mal ein kleines schreiberliches Erfolgserlebnis zu gönnen: Machen wir heute mal den Abschnitt über Iser fertig, das haben wir ja alles schon dreimal gelesen und exzerpiert, das muss man ja nur noch runterschreiben. Lass uns das doch einfach runterschmieren, wie die fünf Seiten Castoriadis-Darstellung letzte Woche. Das war wohl nix. Jetzt weiß ich auch wieder, warum ich mich davor seit Monaten drücke. Iser lässt sich eigentlich nicht paraphrasieren. Maaaann, ich kann doch nicht das komplette erste Kapitel zitieren. Wie soll das denn gehen? Es ist nicht mal so, dass ich nicht verstehen würde, was er will. Das ist soweit eigentlich halbwegs einleuchtend. Aber sobald man von seinem Wortlaut abweicht und versucht, eigene Umschreibungen zu finden, hört es sich maximal nur halb richtig an. Und ich denke bei jedem einzelnen Satz: Naja, Fräulein, so ganz stimmt das jetzt aber eigentlich nicht ... tztztz <-- Das Geräusch, das ich an dieser Stelle denke, hört sich eigentlich gar nicht an wie "tz", sondern eher wie "z z z". Wozu habe ich denn vier Semester lang deutsche Sprachwissenschaft studiert, wenn ich nicht mal weiß, wie diese seltsamen, verächtlichen Laute heißen?!
5.8.08 22:05


Die Stadt stört und bremst

Seit ca. fünf Wochen und einem Tag wohne ich in einer sehr großen Stadt. Vorher habe ich in einer deutlich kleineren Stadt gewohnt. Vor dem Umzug hatte ich mir vorgestellt, dass in der großen Stadt alles viel hektischer und stressiger sein würde. Das Gegenteil ist eingetreten. Es geht alles langsamer, die Wege sind viel weiter, nichts funktioniert auf Anhieb, und ich begegne kaum Leuten, die gestresst zu sein scheinen. Immer wenn ich nachfrage, ob dies oder jenes nicht mal langsam funktionieren, ankommen oder organisiert sein müsste, werde ich dazu aufgefordert, mich zu entspannen und endlich das unnötige Generve einzustellen, das an der Situation sowieso nichts ändere.

Soweit so nett.

Weniger nett, dafür aber um so authentischer sind die Störungen, die jedes friedliche vor-sich-Hindümpeln in öffentlich zugänglichen Räumen kategorisch zu nichte machen. Immer wenn ich anfange, mich tatsächlich zu entspannen, passiert irgendetwas, das zumindet ein Mindestmaß an Engagement erfordert: Eine Unbekannte will mir etwas über ihre Familie erzählen oder einfach nur mitteilen, dass kein einziger Tutor aufzutreiben ist, wenn man mal einen braucht, eine andere will den Fahrgästen etwas vorsingen, jemand möchte gern Geld für ein Frühstück haben (zwei Mohnhörnchen) und ist auch bereit Lebensmittel oder Getränke entgegenzunehmen, solange diese nicht alkoholisch sind, jemand will wissen, ob ich eine Fahrkarte übrig habe oder eine benötige, ob diese Bahn auch in XY hält - was bin ich stolz, wenn ich das weiß -, ob das Buch gut ist, das ich da lese und ob ich nicht für den Tierschutz oder Scientology spenden, Mitglied der Malteser werden oder die XY-Zeitung probelesen möchte.

 

5.8.08 21:47


Warum Gott den Menschen geschaffen hat

Gott ist allwissend, soweit es ein Wesen für sich allein sein kann. Es gibt aber Dinge, die man nur erfahren und lernen kann, wenn man ein annähernd ähnliches Gegenüber hat. Unter anderem kann man nur durch soziale Bezüge eine Identität ausbilden. Gott brauchte daher den nach seinem Bilde geschaffenen Menschen, um eine Identität, um ein Verständnis von sich selbst zu bekommen. Wir sind für Gott eine Art Spiegel. Das ist ein verwirrender performativer Akt: Indem er den Menschen nach seinem Bilde schafft, erst innerhalb dieses Prozesses, kann er sich selbst erkennen. Wir müssen uns ihn jedoch allmächtig vorstellen, da er sonst nicht die Möglichkeit hätte, etwas zu schaffen, das ihm ähnlich ist.

Mit Mead gesprochen, war Gott, bevor er den Menschen geschaffen hat, nur „I“: eine mit einem „konstitutionellen Antriebsüberschuss“ (Gehlen) ausgestattete Wesenheit. Durch die Präsenz des Menschen gesellt sich dem göttlichen „I“ ein „Me“ hinzu. Gott erhält durch die Existenz des Menschen die Möglichkeit zur Perspektivübernahme, zum „taking the role of the other“ (Mead). Er kann sich nun Gedanken darüber machen, welches Bild der Mensch von ihm hat und welche Erwartungen er an ihn stellt. Das „Me“ ist die Repräsentation der imaginierten Haltung eines konkreten Gegenübers und damit auch die Bewertungsinstanz für das entstehende Selbstbild. Hätte er nur ein einziges Gegenüber geschaffen, so wäre dieser Prozess relativ schnell abgeschlossen gewesen. Interessant wird es erst dadurch, dass Gott zunächst mit zwei unterschiedlichen „Mes“ umgehen muss, einem weiblichen und einem männlichen, die er in Zusammenspiel mit seinem „I“ zu einem „Self“ stabilisieren muss. Dadurch, dass die Menschen unabhängig vom direkten Eingreifen Gottes neues Leben, also neue „alters“ für Gottes „ego“ schaffen können, ist für Gott gesichert, dass sein Selbstfindungsprozess nicht an ein Ende kommt. Dadurch, dass er sich nicht nur in ein Gegenüber hineinversetzen muss, sondern in alle Mitspieler, geht Gott vom „play“ zum „game“ (im Meadschen Sinne) über.
27.3.08 17:21


Kurzanleitung für einen laienhaften Lichtjob in der Provinz


[Leseanleitung:
Da die folgende Kurzanleitung in einem sehr hektischen Duktus verfasst ist, der – grade an sehr warmen Tagen – Lesestress auslösen kann, empfiehlt es sich, in regelmäßigen Abständen jeweils ca. zweisekündige Lesestopps einzuhalten.]


Tasche packen: Handschuhe, Stift, Papier, Edding, Geld, Handy, Schlüssel, Wasserflasche, Muffins. Eine Hose finden, die beim Bücken nicht den halben Arsch entblößt und die halbwegs stabil und eindreckbar ist, ärmelloses Shirt und drüber ein langärmliges und darüber ne Sweatjacke und so weiter. Eigentlich hätte man vorher mal reinhören sollen, da war doch sicher ein Link auf der HP. Jetzt isses zu spät. Kurz noch nachschauen, ob der Bus dann fährt, wann man denkt, dass er sollte. Macht er. Zwei Minuten bis zur Bushaltestelle, drei Minuten warten, los gehts. Ein Kind beobachten, das mit der flachen Hand auf den Sitz haut und damit riesige Staubwolken produziert. Kurz überlegen, ob die Mutter das unterbinden sollte oder ob es gut ist, dass der Sitz mal entstaubt wird. Aussteigen, Straße zur Hälfte überqueren, auf der Mittelstreifenbegrünung zwei Osterglocken zertreten. Am Laden angekommen den Haupteingang rechts liegenlassen und ganz vorsichtig auf den Hintereingang zupirschen, um erstmal zu checken, ob der kleine Köter vom Schreiner da ist. Den bellenden Köter vom Schreiner anschreien und hektisch gegen die metallene Hintereingangstür wummern. Sobald die Türe aufgeht, ins Dunkle huschen und die Türe zuknallen. Nachschauen, ob sich in einem der Hosenbeine der Hund verbissen hat. Falls nein, die Begrüßungszeremonie einleiten:
- Hi.
- Hey.
- Hallo.
- Tag.
Alle da, die jetzt schon da sein sollen. Tasche und oberste Jackenschicht ablegen und die Lage sondieren. Jemand hat zumeist das Pult schon aufgebaut, das ist nett, weil das Ding ungefähr genau so viel wiegt wie eine kleine Frau. Kabeltrommeln schnappen und zum FOH-Platz schleifen. Alle Stecker in den jeweils für sie vorgesehenen Buchsen verstauen. Stecker, die in Buchsen passen, sind so, wie die Welt vielleicht ursprünglich mal gedacht war.
- Bleibt der Drumriser da, wo er jetzt steht?
- Ja, wahrscheinlich, so ungefähr.
- Die sind zu viert, oder? Vorne drei und hinten nur Schlagzeug.
- Äh ja, genau.
An jeder Ecke des Drumrisers nen Floor festkleben und verkabeln, zwei vorne an der Bühnenkante drapieren und zusammenstecken. Überlegen welche Buchse der Verteilerleiste für die Floors jetzt wieder die war, die nen Wackler hat. Beschließen, dass überlegen nix bringt und ausprobieren. Nebelmaschine unter den Drumriser pressen und versuchen rauszufinden, welches das aktuelle Verlängerungskabel für die Nebelsteuerung ist.
- Wann soll die Band kommen?
- Um drei ist Soundcheck.
Jetzt ist es zwei, also noch massig Zeit, da die Bands eh immer Verspätung haben. Jemand dazu bewegen, die ganz große Leiter auf die Bühne zu tragen, damit die Front eingeleuchtet werden kann. Das aufkommende Unwohlsein angesichts der bevorstehenden Kletteraktion bemerken und verfluchen. So lange an der Leiter zerren, bis sie halbwegs dort steht, wo man sie haben will. Hochsteigen, nicht ohnmächtig werden, die Kanne dazu bewegen, sich zu bewegen. Trotz der Hebelwirkungen beim Zerren die Leiter nicht umwerfen. Dunkel gefilterte Lampen geben schön warm und beim Einleuchten, wenn man direkt davor steht, machen sie unerträglich heiß. Trotzdem nicht ohnmächtig werden. Leiter runter, Kanal wechseln, Leiter weiterzerren, Leiter hoch, einleuchten, Leiter wieder runter und so weiter. Die dritte Wiederholung bringt hinsichtlich des Schwindelgefühls schon eine deutliche Verbesserung, irgendwann läuft es richtig gut. Während die drittletzte Kanne dran ist, wummerts an der Hintereingangstür, leises, aber wütendes Gekläff ist außerdem zu hören. Die Band ist da, diesmal eine, die zu früh kommt, Mist. Leiter hektisch von der Bühne wuchten, weil das Schlagzeug schon reingetragen wird und man jetzt erstmal keine große Leiter mehr auf der Bühne gebrauchen kann. Den Ankommenden die Hand schütteln und raten, wer davon Band, Bandbetreuer und Freundin vom Schlagzeuger ist. Alle Namen sofort wieder vergessen.
Jetzt erstmal in Ruhe das auf der Bühne im Werden begriffene Kabelchaos hinter sich lassen und kucken, wie die Backtruss farblich so bestückt ist. Nun gut . . .
- Was war hier am Montag?
- Reggae.
Alles klar. Alle gelben durch orange und alle grünen durch blaue Filter ersetzen. Zwischen rot und mauve schwanken und sich mal wieder für mauve und magenta entscheiden. Feststellen, dass die Bonbonfarben überwiegen, mauve und magenta durch rot doppelt ersetzen. Den Haustechniker fragen, wann das Farbspektrum der Farbfilter erweitert wird. Ein freundliches Lächeln ernten.
Dadurch „motiviert“ und einem nicht wirklich kreativen, sondern eher reproduzierenden Anfall erliegend zwei Kanalkombinationen umpatchen, damit wenigstens nicht alles so furchtbar symmetrisch wirkt. Lichtpult beschriften und dem Tontechniker was vom Klebeband abgeben. Einige Memories programmieren, dabei aber denken, dass Vieles doch erst im laufenden Betrieb entschieden werden kann. Einen heiligen Eid ablegen, nicht während des Konzerts umzuprogrammieren, weil man damit in der Vergangenheit schon böse Erfahrungen gesammelt hat – schuld waren (so sagt man) konspirative Hintergrundbänke.
Den Soundcheck nutzen, um noch einige Chaser zu programmieren, dabei darauf achten, immer genau dann die Floors einzuschalten, wenn sich ein Gitarrist oder Bassist zu seinem Effektgerät bückt und seine Augen auf Floor-Höhe sind. Grundsätzlich in solchen Fällen reuig „oh sorry“ in Richtung Bühne brüllen. Innerlich die Geduld des Mischers beim Sound-Check bewundern.
Sobald auf der Bühne etwas brummt und der Mischer sich gen Lichtpult wendet, im Sinne vorauseilender Selbstverteidigung mit deutlichen Worten klar machen, dass jeder Versuch, die eigene Unfähigkeit mit Verbalattacken auf die Lichtverkabelung zu kaschieren, zwecklos ist. Zusammen mit dem Mischer auf die miese Gesamtsituation schimpfen.
Falls sich ein Mitglied des Bandtrosses nähert, um besondere Wünsche hinsichtlich des Lichts anzumelden, extrem freundlich sein und die innovative Idee („Wenn wir rauskommen, sollte es fast ganz dunkel sein . . . und dann beim Intro auch noch so ganz dunkel und dann gehts plötzlich so badAMM los, das hörst du dann . . . &ldquo entsprechend würdigen und hinsichtlich ihrer Originalität lobpreisen. Dabei nicht zu zynisch klingen. Die Bitte „und wir wollen wenig/kein/nicht so viel Nebel/Rauch“ mit einem genau so überzeugenden wie dreist gelogenen „klar, kein Problem“ quittieren.
Nach dem Soundcheck so lange hochspringen bis man den Schalter erwischt, um das Aufbaulicht auszuschalten oder sich wahlweise eine leere Bierkiste als Trittstufe zweckentfremden. Wenig empfehlenswerte Drittvariante: sich vom Bandbusfahrer hochheben lassen.
Jetzt kann man zum ersten Mal in voller Pracht bewundern, was man geschaffen hat … uih, ist das schön … schade, dass es nachher kaum jemandem auffallen wird.
18.12.07 15:48


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